Gastroenterologen in der NS-Diktatur – Erinnerung und Auftrag für die Zukunft
Am 4. März 2024 fand in Hannover das gemeinsame Symposium der DGVS und der MHH statt. Erinnert wurde an den niedersächsischen Gastroenterologen Walter Heinemann, dem die Flucht aus Deutschland gelang. Dr. Elke Gryglewski, Gedenkstätte Bergen-Belsen, gab wichtige Impulse, wie wir sicherstellen können, dass die Lehren aus der NS-Zeit auch in unserer heutigen Zeit weiterleben können. In einem Round Table wurde abschließend über die vielen und wichtigen Facetten des Projektes Gegen das Vergessen reflektiert.
Die Veranstaltung fand großen Anklang und könnte exemplarisch für andere Universitäten und Bundesländer sein.
Ausführlicher Rückblick der Veranstaltung
Gegen das Vergessen: Erinnerung und Auftrag für die Zukunft
Symposium der DGVS und der MHH
Es war ein absolutes Novum, dass an einer Universitätsklinik für Gastroenterologie / Hepatologie mit einer eigenen Veranstaltung an unsere Fachgesellschaft während der NS-Diktatur erinnert und die Verfolgung jüdischer Fachärzte für Magen-, Darm- und Stoffwechselkrankheiten nach 1933 thematisiert wurde.
Am 4. März 2024 fand auf Initiative unseres Präsidenten Heiner Wedemeyer an der MHH Hannover ein erstes, regionales Symposium „Gegen das Vergessen – Gastroenterologen in der NS-Diktatur“ statt. Ausgangspunkt der Veranstaltung war unsere Initiative „Gegen das Vergessen“, mit der die DGVS erstmals seit 2021 einen Erinnerungsort für ihre jüdischen Mitglieder geschaffen hat.

Symposium in Hannover am 04. März 2024. Von links nach rechts: Prof. Dr. Sabine Salloch, Leiterin des Instituts für Ethik, Geschichte und Philosophie der MHH, Michael Fürst, Präsident des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinde, Prof. Dr. Michael Manns, Präsident der MHH und ehem. Kongresspräsident und Sekretär der DGVS, Dr. Friederike Klein, Ärztin in Weiterbildung der MHH und JUGA-Mitglied der DGVS (Moderation), Prof. Dr. Heiko Stoff, Institut für Ethik, Geschichte und Philosophie der MHH, PD Dr. Petra Lynen-Jansen, Geschäftsführerin der DGVS, Dr. Harro Jenss, Gastroenterologe und ehrenamtlicher Archivar der DGVS, Dr. Benjamin Kuntz, Leiter des Museums im Robert Koch Institut.
Bei dieser Erinnerungsarbeit geht es einerseits um die Darstellung von Lebenswegen und individuellen, teils unerträglichen Schicksalen. Gleichzeitig sollen die Wurzeln unseres Fachgebietes („woher kommen wir“) sichtbar und der Bezug der großartigen wissenschaftlichen und medizinischen Errungenschaften aus der Zeit vor der NS-Diktatur hergestellt werden.
Mit der Biografie von Walter Heinemann gelang es Harro Jenss, ehrenamtlicher Archivar der DGVS, im Gespräch mit Benjamin Kunz, Leiter des Museums am Robert Koch-Institut, den Lebensweg eines der wenigen, frühen Spezialärzte für Magen-Darm-Erkrankungen im heutigen Niedersachsen nachzuzeichnen und am Beispiel seines Lebenswegs Einblicke in die Geschichte der Medizin und das Leben jüdischer Ärzte vor, während und nach der NS-Diktatur zu vermitteln. Beide beschrieben eindrücklich die Ausbildungszeit Heinemanns am 1906 eröffneten und hochmodernen Rudolf-Virchow-Krankenhaus. Berlin ist zu Heinemans Zeit das internationale Mekka der Medizin. Der Anteil und die Bedeutung jüdischer Ärztinnen und Ärzte ist mit 15% im Vergleich zu 1% Anteil an der Gesamtbevölkerung besonders groß. Gewarnt durch die Absichten der Nationalsozialisten plädiert Walter Heinemann 1933 für eine deutsch-jüdische medizinische Wochenschrift, er findet jedoch keine Unterstützer seiner Idee. Wie heute gingen damals Meinungen, Tendenzen und (Fehl-) Einschätzungen auseinander. Die Geschichte von Heinemanns Flucht über Palästina und England in die USA, wo er in New York nach Sprachtest und Staatsexamen endlich erneut eine Berufserlaubnis bekommt, steht exemplarische für diejenigen, die sich mühsam eine neue Existenz aufbauen und für diejenigen, die dank Unterstützer und Freunde gerettet werden konnten. Nicht vergessen dürfen wir diejenigen, denen dieser Weg verwehrt blieb.
Wie diese Erinnerungen in die heutige Zeit transportiert werden können und welche Handlungsoptionen wir heute haben, stellte Dr. Elke Gryglewski, Geschäftsführerin der Gedenkstätte Bergen-Belsen, dar. Sie gab wichtige Impulse, für eine Zeit, in der sich Antisemitismus und Holocausttrivialisierung deutlich verschärfen. Es brauche, so Frau Gryglewski, „Orte, die konträr zu NS-Ideologie und Intention sind und die das Lernen aus der Geschichte plausibel machen“ ebenso wie „das Aufzeigen von Kontinuitätslinien und die Entwicklung von bzw. die Vernetzung mit zielgruppenspezifischen Initiativen“.
„Gegen das Vergessen“ ist eine berufsgruppenspezifische Initiative, die durch ihre Inhalte den Bezug von Gastroenterologinnen und Gastroenterologen zur Vergangenheit darstellen kann. Dies wurde deutlich im abschließenden round table, in dem über die vielen und wichtigen Facetten des Projektes reflektiert wurde. Unsere von der Mitgliederliste der DGVS 1932/33 gestrichenen jüdischen Mitglieder waren keine Einzelfälle, es waren viele. Ihre Persönlichkeiten und Lebenswege waren ebenso vielfältig wie ihre medizinischen und wissenschaftlichen Leistungen. Herman Strauß brachte es auf den Punkt, als er 1933 niederschrieb: „Von nun an war der Begriff der Collegialität an den Begriff der Rasse gebunden.“ Unsere Handlungsoption heute ist zu einem Ort des Lernens, der Vielfalt und der Integration zu werden. Die Aufarbeitung und Einordnung der Täterperspektive und der Täterschaft stellt eine unbedingt notwendige und zukünftig zu leistende Aufgabe dar.
Bisher begleiten wir unser Projekt „Gegen das Vergessen“ mit kurzen, monatlichen Biografien in dieser Zeitschrift, mit unserem Podcast Gastro Geplauder und mit Veranstaltungen auf unserem Kongress Viszeralmedizin. Wir waren überrascht und erfreut, dass diese erste, regionale Veranstaltung an einer Universität mit mehr als 150 Teilnehmern vor Ort oder im Stream guten Anklang fand. In der aktuellen Zeit sehen wir darin eine Chance, Erinnerungsarbeit kontinuierlich zu gestalten und ein Netzwerk zu schaffen, in dem wir unserer Verantwortung als Mediziner- und Wissenschaftler*innen gerecht werden und uns für Vielfalt und Toleranz einsetzen können. Eine Aufzeichnung ist in unserem YouTube Kanal und auf unserer Webseite verfügbar. Die Veranstaltung könnte exemplarisch für andere Universitäten und Bundesländer sein. Sprechen Sie uns dazu gerne an.
PD Dr. med. Petra Lynen Jansen
lynen@dgvs.de